Faszination Vancouver Island – Wildkatze oder schnurrender Kater

Jeder findet „sein“ Vancouver Island – Kanada von seiner puren Seite

Reisebericht und Fotos von Simone Blaschke

In Südostasien hätte ich ein Tsunami-Warnschild jederzeit erwartet, nicht aber an der West­küste von Vancouver Island inmitten einer kleinen Wohnsiedlung.

Wir sind auf dem Weg zum Wild Pacific Trail am südlichen Ende des Pacific Rim National Parks, als wir das Schild entdecken. Schon kurze Zeit später wird uns klar, warum der Hinweis auf die Tsumani-Zone Sinn macht. Unsere Wanderung durch den Regenwald oberhalb der Küste führt durch eine Naturlandschaft mit bizarren Baumriesen, die an einen verwunschenen Märchenwald erinnern. Die landwärts geneigten Stämme zeugen davon, dass sie schon so manchem Sturm getrotzt haben.

Die wilde und schöne Seite von Vancouver Island

Jenseits der steilen Klippen entlang des Trails tobt ab jetzt nur noch der Pazifik und trifft erst wieder tausende Meilen entfernt an der Küste Japans auf größere Landmassen. Dazwischen kann das Meer seine natürlichen Kapriolen schlagen. Was durch die Beschilderung zur Vorsicht mahnt, macht andererseits deutlich, wie wild und schön diese Seite Vancouver Islands ist. Einerseits raue Wildkatze, ist das Inselwunder auf der anderen, dem Festland zugewandten Seite eher ein schnurrendes Miezekätzchen.

Viel Zeit zum Kennenlernen der Insel

Während bei den meisten Kanada-Reisen nur ein Abstecher nach Victoria, der Hauptstadt British Columbias, eingeplant wird, haben wir uns entschieden, fast zwei Wochen auf Vancouver Island zu verbringen. Schon die eineinhalbstündige Überfahrt mit der „Queen of Vancouver“ von Tsawwassen, ganz in der Nähe des Flughafens von Vancouver, nach Sidney auf der Saanich Halbinsel ist ein Genuss. Durch die zahlreichen vorgelagerten kleine­ren Inseln der „Gulf Islands“ nehmen wir Kurs auf Vancouver Island. Mit jeder Seemeile mehr verabschieden wir uns vom bunten Stadtleben in Vancouver, in das wir in den Tagen zuvor mit großem Vergnügen eingetaucht sind. English Bay, Stanley Park, Granville Island und liebenswerte Vancouveranians – „Good bye“. Jetzt geht es hinein in die prachtvolle Natur, und die Vorfreude auf die nächsten Tage auf Vancouver Island wächst.

Bed & Breakfast bei Freunden

In Sidney angekommen, fahren wir mit unserem Mietwagen nach Süden zum Holzhaus un­serer Freundin Ute, das im typisch kanadischen Stil aus ganzen Baumstämmen gefertigt ist. Ute haben wir bei unserem letzten Aufenthalt kennen gelernt. Sie unterhält hier an der Cordova Bay ein Bed & Breakfast und begrüßt uns herzlich, schließlich haben wir uns fast ein Jahr nicht gesehen. Sie kommt aus Deutschland und lebt gut die Hälfte des Jahres auf der Insel, bevor sie vor dem stürmischen Herbst und Winter flieht. Denn zwischen Oktober und März kann es hier empfindlich feucht, kalt und windig werden.

Der Südosten von Vancouver Island ist ideal für Tagesausflüge

Wir verbringen die ersten beiden Nächte bei unserer deutschen Freundin und erforschen auf unseren Tagesausflügen den südlichen Teil der 450 Kilometer langen und 100 Kilometer breiten Insel. Immer wieder stoßen wir auf Reservate der First Nations, die Ureinwohner Kanadas. Die Community der Sc’ianew (Chenuh, bedeutet „Big Fish“) entdecken wir gleich am ersten Tag unserer Erkundungstour an der Beecher Bay im East Sooke Regional Park. Das rund 300 Hektar große Reservat zählt heute noch rund 230 Bewohner, von denen aber nur noch wenige eine oder mehrere der ursprünglich vier verschiedenen Stammessprachen beherrschen. Auch unter den Nachkommen der Ureinwohner wird inzwischen hauptsächlich Englisch gesprochen.

East Sooke Regional Park mit Mammutbäumen

Unsere Küstenwanderung im East Sooke Regional Park, 50 Kilometer südwestlich von Victoria, führt uns entlang der Klippen durch eine botanische Artenvielfalt, die sehr typisch ist für die Insel: Douglasien, westamerikanische Hemlocktannen, Riesen-Lebensbäume, Oregon-Eichen und Küsten-Kiefern. Viele von ihnen haben einen Umfang von mehreren Metern und werden nicht die einzigen Mammutbäume sein, die wir auf Vancouver Island entdecken.

Der Goldstream Provincial Park ist das Ziel unserer nächsten Tagesetappe. Die Wanderung durch den Park zeigt uns auch, wie hierzulande Forstwirtschaft betrieben wird. Umgestürzte Bäume mit meterdicken Stämmen bleiben in der Regel dort liegen, wo sie umgefallen sind und bieten als Wirtspflanze die Basis für neues Leben. Sollte einer der Riesen doch einmal direkt auf einem Trekking-Pfad gelandet sein, sägen die Ranger allenfalls ein Stück des Stammes frei. Meistens kann man aber einfach drüber klettern. Die Natur und ihre eigenwilli­gen Regeln gehen in jedem Fall vor. Zu viele Baumbestände sind auch auf Vancouver Island schon von der Holzindustrie bedroht. In den National und Provincial Parks aber sind Rodun­gen verboten.

Die Gulf Islands zwischen Vancouver Island und dem Festland

Nach zwei Tagen und einem letzten wunderbaren Frühstück mit frischen Früchten und selbstgemachter Marmelade verabschieden wir uns von Ute, um unsere Reise auf die dem Festland vorgelagerte Insel Salt Spring Island fortzusetzen. Hier befindet sich die älteste Familienfarm British Columbias, benannt nach dem Iren Henry Ruckle. Er machte sich 1872 sesshaft und seine Familie bewirtschaftete die Farm über ein Jahrhundert, bevor sie ihr Land 1974 der Provinz übergaben, die den „Ruckle Provincial Park“ seitdem im öffentlichen Inte­resse betreibt. Nur einen kleinen Teil des Landes hat die Familie für die Schafzucht behalten. Bis heute sind die Stallungen und Gebäude der Familie Ruckle in einem guten Zustand und können kostenfrei besichtigt werden.

Ein erlebnisreicher Tag geht im B&B auf der Organic Farm der Insulanerin Elisabeth zu Ende. Die Hausgänse lassen sich von unserem Besuch nicht abschrecken und stolzieren auf der Terrasse gemütlich in unser Zimmer, gefolgt von einem Berner Sennenhund, der als Hütetier instinktiv alle Tiere auf dem Hof zusammenzuhalten versucht – und uns einen sehr amüsanten Anblick beschert.

Wandbilder von Chemanius

Zurück auf der „großen“ Insel steht zunächst Chemanius auf unserer Liste, benannt nach einem weiteren Stamm der kanadischen First Nations, der zur Sprachfamilie der Salish mit noch rund 1.300 Mitgliedern gehört. Touristische Attraktion des aufgehübschten kleinen Or­tes sind die 39 Wandbilder, die Szenen aus der Vergangenheit darstellen.

Von dort geht es weiter nördlich nach Nanaimo und per Fähre auf die nur fünf Kilometer entfernte Insel Gabriola Island. Die knapp 60 Quadratkilometer große Insel mit rund 4000 Einwohnern ist die zweitgrößte der Gulf Islands. Auch wenn es hier vom Shopping Center, Museum, einer Grundschule bis zu zahlreichen Restaurants alles gibt, was das zivilisierte Herz begehrt, sind noch genügend Wälder und naturbelassende Ufer zu finden. Einsame Küstenwanderwege und kleine Orte mit lauschigen Cafés halten sich angenehm die Waage. Ein zweitägiger Ausflug auf die Insel lohnt sich allemal.

Richtung Norden wird es feucht und neblig

Für die restliche Zeit unseres Inselurlaubs verabschieden wir uns von der vorgelagerten In­selwelt und fahren noch ein Stück weiter in den Norden nach Courtenay, um von dort in das Comox Valley einzudringen. Doch das neblig-feuchte Wetter macht uns einen Strich durch die Rechnung. Ohne klare Sicht riskiert man auf den Schotterpisten, die ins Valley und die zentrale Bergwelt der Insel führen, platte Reifen oder einen Achsbruch. Dafür ist unser Miet­wagen einfach nicht ausgelegt. Der Besuch dieses Teils von Vancouver Island müssen wir schweren Herzens auf die nächste Reise verschieben. Stattdessen führt uns die Inseltour am nächsten Tag über Parksville und Qualicum Beach in westliche Richtung nach Port Alberni.

Quer rüber zur wilden Pazifikküste Kanadas

Nach einem Zwischenstopp im „Old Country Market“ von Coombs, mit seinen seelenruhig auf dem Hausdach grasenden Ziegen ebenfalls eine touristische Attraktion, und Tageswanderungen im MacMillan und Little Qualicum Provincial Park, ist unser Ziel Ucluelet am Einstieg zum Pacific Rim National Park.

Bevor wir dort ankommen, legen wir eine Pause am Sproat Lake westlich von Port Alberni ein. Was nur als kurzer Aufenthalt mit Picknick am See gedacht war, endet in einer spontanen Bootstour mit einem lustigen kanadischen Paar aus der Gegend. Die Geschichte ist schnell erzählt: Auf der Suche nach ihrem Hund, der „über Bord gegan­gen“ ist, nähert sich das kanadische Paar, das sich an diesem sonnig-warmen Freitagnach­mittag offenbar schon mehrere Feierabend-Bierchen gegönnt hat, mit seinem Motorboot un­serem Ufer. Dort wartet der Vierbeiner bereits schwanzwedelnd und wir tragen ihn zurück zu seinen Besitzern. Die Wiedersehensfreude bei Hund und Mensch ist groß und aus lauter Dankbarkeit lädt uns das Paar zu einer Spritztour über den See ein. Und weil wir alles an­dere als spießige Deutsche sein wollen, willigen wir schnell ein.

Verrückter Bootstrip mit kanadischen „Freunden“

Was als kurzer Bootstrip angekündigt war, zieht sich leider länger hin als uns lieb ist. Denn dieser See ist, wie so vieles in Kanada, verdammt groß – und mit 22 Kilometern vor allem sehr lang. Was wir nicht ahnen konnten: Unsere neuen Freunde haben sich zum Ziel ge­setzt, uns die gesamte Länge des Sees zu zeigen.

In den folgenden zwei Stunden erweist es sich als aussichtslos, ihren ungebrochenen Ehrgeiz zu zügeln und uns zum Zurückbringen zu über­reden. Zumal ihre Partylaune mit jedem weite­ren Bier ansteigt und sie drauf und dran sind, uns für die kommende Nacht zu adoptieren. Zugegebenermaßen eine witzige Situation, wie wir mit vier Erwachsenen und zwei Hunden in dem viel zu kleinen Boot sitzen. Wir haben nur ein Problem: Wenn wir nicht in wenigen Stunden im vorgebuchten Hostel in Ucluelet sind, können wir die Nacht irgendwo im Freien verbringen. Denn im Gegensatz zu unserer sonst üblichen spontanen Unterkunftssuche, sind Ucluelet und erst recht Tofino zu dieser Jahreszeit auf Monate aus­gebucht. Dass wir überhaupt noch ein Bett im Hostel bekommen haben, war reiner Zufall.

Doch dann haben unsere neuen „Best Buddies“ ein Einsehen und bringen uns zurück zum Ufer, nicht ohne überschwängliche Verabschiedung und eine Einladung zu einem baldigen Wiedersehen auszusprechen.

Der wilde(ste) Westen von Vancouver Island

Die letzten Tage auf Vancouver Island sind gleichzeitig unsere schönsten. Die Westküste zwischen Ucluelet und Tofino ist für uns das absolute Naturerlebnis. In diesem Teil befindet sich der 511 Quadratkilometer fassende Pacific-Rim-Nationalpark, in dem noch große zu sammenhängende Stücke des gemäßig­ten Küstenregenwaldes und einige First-Na­tions-Stämme beheimatet sind. Während die bis zu 100 Meter hohen und bis zu 3,50 Meter Durch­messer starken Douglasien, Riesen-Lebens­bäume und Sitka-Fichten außerhalb des Natio­nalparks der Holzindust­rie zum Opfer fallen, kann man innerhalb der Schutzzone die ganze Vielfalt bei einer Wanderung über Board Walks durch den Regenwald erleben.

Die Küstenregionen und Flüsse sind außerdem sehr fischreich, denn die Meeresströmungen schaffen vor allem im Sommer reichlich Phyto- und Zooplankton aus dem nördlichen Pazifik und den tieferen Meereszonen heran, was eine riesige Artenvielfalt und Fischpopulationen hervorbringt.

Traumküste am Long Beach

Besondere Beachtung als „Hot Spot“ findet bei den Surfern der Long Beach. Er erstreckt sich vom Süden des Clayoquot Sounds entlang der Küste zwischen Tofino und Ucluelet und be­steht aus kilometerlangen Sandstränden. Gleich dahinter befindet sich das Dickicht des Küstenregenwaldes. Eine faszinierende Mischung, wie wir sie zuvor nirgends gesehen ha­ben. Zum Tagesausklang bieten sich Tofino und Ucluelet mit ihrem „Hang Loose“-Feeling (im übertragenen Sinn: Abhängen, Loslassen) an. Mit ihren bunten Häusern und dem hip­pieähnlichen Völkchen liegt eine Art Aussteiger-Spirit in der Luft. Ideal, um einfach mal „Gott einen guten Mann sein zu lassen“.

Nach Bamfield am Barkley Sound

An unserem letzten Tag im Westen der Insel sind wir früh morgens am Hafen von Ucluelet. Von dort nehmen Versorgungsboote Kurs auf die abgelegenen Küstenorte. An Bord haben sie Waren, Post und Lebensmit­tel. Sie nehmen aber auch gerne Tagesausflügler mit. Wir fahren mit nach Bamfield am südlichen Eingang des Barkley Sound. Der Ort hat circa 250 Einwohner und wurde 1860 erstmals als dauerhafter Handelsposten eingerichtet. Außer über das Wasser ist Bamfield sonst nur über eine 80 Kilometer lange Holzfällerstraße von Port Alberni aus zu erreichen.

Die etwa einstündige Überfahrt ist absolut empfehlenswert, denn der Kapitän erweist sich als ausgezeichneter Reiseleiter und erzählt viele interessante Geschichten. Zum Beispiel, dass der Ort seinen Namen ursprünglich von einem Schiffschreiner namens William Eddy Banfield erhielt, der 1849 sein Schiff verließ, um mit den hier ansässigen Indianern auf dem Firste-Nations-Gebiet der Huu-ay-aht Handel zu betreiben. 1903 wurde die erste Poststation eröff­net und weil ein Regierungsangestellte den Namen falsch buchstabierte, wurde aus Banfield kurzerhand Bamfield. Außerdem erfahren wir, dass bereits 1902 Bamfield der Endpunkt des ersten Untersee-Telegrafenkabels wurde, das den britischen Teil Nordamerikas mit Austra­lien verband.

Auch rauscht der Captain nicht einfach an der wunderbaren Küstenfauna vorbei. Ganz im Gegenteil, er stellt extra den Motor aus, als wir an einer riesigen Seerobben-Kolonie vorbei kommen, um uns die laut heulenden Tiere so nah wie möglich zu präsentieren.

Nachdem wir am westlichen Teil des Bamfield Inlet angelegt haben, werden die Waren an Land gebracht. Der örtliche Lebensmittelhändler und der Mann von der Poststelle stehen schon bereit, um zuzupacken. Wir nutzen die Gelegenheit für einen kurzen Bummel durch das beschauliche Küstenörtchen, das eine wunderbare Kulisse für einen romantischen Hol­lywood-Streifen abgeben könnte. Nach einem leckeren Cappuccino im Hafencafé geht die Fahrt zurück nach Ucluelet, wo wir den Abend in einem urigen Restaurant mit exzellenten Fischspeisen beenden.

Allumfassendes Urlaubsvergnügen

Am Ende der Reise stellen wir fest: Auf Vancouver Island findet man so etwas wie ein all­umfassendes Urlaubsvergnügen. Die wilde Naturschönheit der zerklüfteten Westküste gibt Einblick in die Welt der Fischer und Jäger der First Nations. Die sanfteren Landschaften und fjordähnlichen Inselwelten der Gulf Islands zwischen dem Festland und der Ostküste bele­ben die Seele. Die kulinarische Vielfalt und der Ideenreichtum der Menschen berauschen die Sinne für Kultur, Kunst, gutes Essen und Trinken, und die ständige und unmittelbare Nähe mit dem Element Wasser weckt die Leidenschaft zu allen möglichen Aktivitäten, ob Kanufah­ren oder Whale Watching, Surfen oder Segeln.

Der überwiegende Teil von Vancouver Island wird aber von der wilden Natur bestimmt, die man auf endlosen Trekking-Touren oder Schiffspassagen am besten erlebt. Besonders der weniger besiedelte Norden ist unser nächstes Ziel.

Wir haben uns bereits auf den ersten Blick in die Insel verliebt. Auf den zweiten Blick haben wir unsere Seele an das Eiland verloren.

Alle Fotos © Simone Blaschke

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