Kastilien – Burgen und Berge im Herzen der Iberischen Halbinsel

Artikel (i. A. von cap communications)

Wer beim Stichwort Spanien an Sommerhitze und Strandurlaub oder Einkaufsbummel in Madrid oder Barcelona denkt, kennt nur die halbe Wahrheit. Denn außer Costa Brava, Blanca & Co. bietet die Iberische Halbinsel noch ganz andere Facetten. Eine davon heißt: Kastilien. Abgeleitet von der spanischen Bezeichnung Castillos, hält diese Region im Zentrum Spaniens, was ihr Name verspricht: Es ist das Land der Burgen, Schlösser und Kathedralen! Hier erlebt man eine Zeitreise in die Geschichte mitten in einer grandiosen Naturlandschaft der zentralen Hochebene Spaniens. Auf geht´s nach Kastilien!

 Foto: b&t touristik

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Lebendige Geschichte – bis heute präsent

Kastilien zu besuchen, ist wie das Eintauchen in eine andere Welt. Wenn man das erste Mal in die imposante Hochebene Zentralspaniens reist, auf der sich die Regionen Kastiliens über hunderte von Kilometern erstrecken, kann man sich nicht satt sehen an den weiten welligen ockergelben Steppen, den Hochgebirgszügen und silbern blinkenden Gebirgsseen. Filigrane Brückenkonstruktionen überwinden Täler und Schluchten und hin und wieder zeichnet sich eine historische Siedlung aus einer anderen Zeit am Horizont ab. Noch heute kann man sich bei diesem Anblick lebhaft vorstellen, wie in dieser Umgebung spanische Geschichte geschrieben wurde.

Besonders im Mittelalter zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert ging es hier sehr turbulent zu. Mauren kämpften gegen Christen, Grafen befreiten sich von der Oberherrschaft des Königs, Ritter zogen in Schlachten und überall schossen wehrhafte Burgen und gotische Kathedralen wie Pilze aus dem Boden. Ferdinand der Große, Sancho der Starke oder Alfonso der Tapfere waren die ersten Grafen, die der Region zu Glanz und Gloria verhalfen. Über mehrere Jahrhunderte hinweg wurde von hier aus die spanische Geschichte bestimmt, die Sprache, Religion und Kultur des Landes beeinflusst. Heute geht es wesentlich ruhiger zu. Viele Festungen sind längst zu komfortablen Schlössern umgebaut, unzählige Burgen, Kathedralen und andere architektonische Meisterwerke aus dieser ruhmreichen Zeit sind gut erhalten und machen die Reise durch Kastilien zu einem besonderen Erlebnis.

Mittelalterliche Architektur in spektakulärer Lage

Das Gebiet der einstmals rivalisierenden mittelalterlichen Königreiche „Kastilien und Léon“ im Norden der zentralspanischen Hochebene ist mit fast 95.000 Quadratkilometern die größte Autonomieregion Comunidad Autónoma des Landes. Zusammen mit Madrid und seinen Außenbezirken, der Comunidad de Madrid sowie Kastilien-La Mancha Richtung Südosten nimmt Kastilien eine Fläche von beinahe 200.000 Quadratkilometern ein. Im Vergleich dazu ist die Zahl der Bewohner, abgesehen vom Ballungsraum Madrid, relativ gering. Doch selbst in den kleinsten Ortschaften stößt man auf Zeugnisse des einstigen Wohlstandes im „Land der Burgen“. Festungen und Kathedralen gibt es hier wie Sand am Meer. Steht man direkt vor einem solchen Meisterwerk wie der Kathedrale in León, wo sich die Ruta de la Plata und der Jakobsweg nach Santiago de Compostela kreuzen, wird man von der Leuchtkraft der zartgelben Sandsteinfassade in der nachmittäglichen Sonne warm aufgenommen und in das Innere hineingeleitet. Hohe Glasfenster mit kaleidoskopartigen Farbspielen, Steinquader, Torbögen und Pfeiler umrahmen die göttlichen Lobpreisungen, die in diesem frühgotischen religiösen Bauwerk zum Leben erweckt wurden. In Burgos oder León stehen die bekanntesten Kathedralen. Salamanca im Südwesten besitzt gleich zwei prächtige Ausgaben davon. Außerdem befindet sich dort die älteste Universität des Landes. Weitere Superlative architektonischer Baukunst braucht man nicht lange zu suchen: Der Aquädukt in Segovia ist nicht nur das größte Bauwerk der Römer, sondern auch UNESCO Weltkulturerbe. Nebenbei ist der Alcazár von Segovia die meistfotografierte Palastfestung Spaniens.

Zwischen all den romantischen Wehrburgen, Brücken und Kirchen tauchen immer wieder die ockergelbe Ebenen, mäandrierenden Flüsse und zerklüfteten Berge auf, die das Landschaftsbild im Herzen der Iberischen Halbinsel dramatisch schön vervollständigen. Besonders reizvoll sind die Sierra de Francia, Sierra de Béjar und die Sierra de Gredos ganz im Süden der Region an der Grenze zur Extremadura, der südwestlichsten Region Zentralspaniens.

Geografischer Mittelpunkt der Iberischen Halbinsel

Spricht man von Kastilien, kommt man an Spaniens Hauptstadt Madrid nicht vorbei. Sie liegt nicht nur geografisch im Mittelpunkt des Landes, sie spiegelt auch wie kaum eine andere spanische Metropole den Aufstieg Kastiliens in der Geschichte Spaniens wider. Als Felipe II. im Jahr 1561 Madrid zur Hauptstadt des spanischen Reiches ernannte, war es bis dato ein unscheinbares kastilisches Städtchen. Das änderte sich in den folgenden Jahren rasch und Madrid entwickelte sich zum Zentrum des mächtigen Landes. Mauren, Bourbonen, Römer und Habsburger kamen und gingen. Wege und Straßen, mittelalterliche Kirchen und gotische Paläste blieben. Heute ist Madrid Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt. Wer hier einen Tag oder besser mehrere verbringt, sollte eine gute Ausdauer haben. Die über drei Millionen Einwohner große Hauptstadt – in der Provinz Madrid sind es sogar 6,5 Millionen – weist eine historische Sehenswürdigkeit nach der anderen auf. Die meisten, nicht nur mittelalterlichen, befinden sich in der pulsierenden Altstadt Madrids. Am bekanntesten sind der Königspalast Palacio Real und die Basilica Pontificia de San Miguel. Zwischendurch ist ein café con leche mit Gebäck in einem der zahlreichen Cafés oder Tapas-Bars ein guter Grund für eine Pause. Danach kann man sich frohen Mutes eine weitere kulturelle Dosis, zum Beispiel beim Besuch des Mueso del Prado mit einer herausragenden Sammlung spanischer Meister zwischen dem 12. und 19. Jahrhundert, verabreichen.

Wein, Windmühlen und endloser Horizont

Es waren die einsame Weite dieser Region, die Windmühlen bei Campo de Criptana und die zahlreichen mittelalterlichen Burgen La Manchas, die Cervantes zur weltberühmten Romanfigur „Don Quijote“ inspirierten. „Gegen Windmühlen kämpfen“, die dem vermeintlichen Ritter als Riesen erschienen, muss in Kastilien-La Mancha keiner mehr. Im Gegenteil, die Provinz, die Madrid östlich und südlich umgibt, ist ein Landstrich für Genießer und Entdecker. Gut erhaltene weiß getünchte Windmühlen, nicht mehr in Betrieb, aber schön anzusehen, und Weinanbau soweit das Auge reicht. So präsentiert sich Kastiliens Provinz La Mancha. Auch wenn die Region zuallererst mit dem weltweit größten zusammenhängenden Weinanbaugebiet in Verbindung gebracht wird, gib es hier mehr als gute Weine. Das muss sich aber noch herumsprechen, denn im Vergleich zu anderen Teilen des Landes ist La Mancha eher spärlich besucht. Das hat andererseits den Vorteil, dass man hier noch viel Ursprünglichkeit findet und auch mal in den Genuss kommt, in aller Ruhe ein Gläschen Wein beim regionalen Winzer zu trinken oder die einfache bäuerliche Küche in einer einheimischen Gaststätte zu probieren.

Selbst die kleinsten Orte sind in La Mancha reich an historischem Charme. Die Wehrhaftigkeit ihrer Bewohner ist bis heute zu erkennen. Seit die Christen zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert gegen die Mauren kämpften, bauten Sie Kastelle und verteidigten ihr Land. Die eindrucksvollsten Festungen stehen in Sigüenza, Belmonte oder Molina de Aragón. Die altehrwürdige Stadt Toledo, im 6. Jahrhundert von den Westgoten sogar einmal zur Hauptstadt ernannt, ist am bekanntesten. Das heutige UNESCO Weltkulturerbe war früher Schmelztiegel der Kulturen. Juden, Christen und Mauren lebten hier friedlich zusammen, während sie sich andernorts bekämpften. Aus dieser Zeit stammt die Kathedrale in Toledo, die zu den größten des Christentums gehört.

Der Star unter den Städtchen, die sich über die Provinz verstreuen, ist uneingeschränkt Cuenca. Wer Kastilien-La Mancha bereist, darf diesen Ort keinesfalls verpassen. Die Frage nach dem Warum beantwortet sich von selbst, sobald man den ersten Blick auf die malerische Altstadt von Cuenca wirft. Keine andere Stadt hat seine Bewohner so spektakulär an einem steilen Felsrücken untergebracht. Die „Hängenden Häuser“, deren Holzbalkone regelrecht über dem Abgrund schweben, sind weit über die regionalen Grenzen bekannt. Die reizvollen Casas colgadas aus dem 14. Jahrhundert dienten der königlichen Familie sogar lange Zeit als Sommerresidenz. Die maurische Siedlung, die im Mittelalter mit Woll- und Tuchhandel zu Reichtum kam, hat sich den Felsen einverleibt und jede noch so kleine Fläche genutzt. Der spektakuläre Blick von oben in die fantastische Landschaft der Umgebung raubt jedem Besucher den Atem. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Innenstadt von Cuenca 1996 zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt wurde.

Kulinarische „High Lights“ in Kastilien

Das Leben im kargen Hochland Kastiliens, windumtost im Winter, glühend heiß im Hochsommer, hat auch die bäuerliche Küche geprägt. Anders als an den Küsten Spaniens liest sich die empfohlene Speisekarte hier so: Roher Schinken, Wurst und Oliven zu einem kräftigen Schluck Landwein, knoblauchduftende dicke Bauernsuppe mit Speck, gerne auch ein knuspriges Spanferkel komplett mit Ringelschwanz und Füßen. Herzhaft und in großen Mengen, so sehen die kulinarischen Köstlichkeiten im Hochland von Kastilien aus. Zum Nachtisch werden gehaltvolle Kuchen oder eine pikante regionale Käsesorte, wie der weiche Burgos, mit Honig, Membrillo (Quittengelee) oder Nüssen serviert.

Mit etwas Glück bietet der Lokalbesitzer Wein aus eigenem Anbau an. Die meisten Weine stammen ohnehin aus den riesigen Anbaugebieten von La Mancha oder von kleinen erlesenen Weinbergen im Nordwesten von Kastilien und León. Die Tempranillo-Trauben liefern die Grundlage für fast alle guten Rotweine, aus den weißen Airén-Reben von La Mancha werden milde Weißweine für jeden Anlass produziert.

Verwöhn-Programm für Geist und Seele

Kastilien zu besuchen ist ein Erlebnis für alle Sinne. Architektonische Superlative erinnern an historische Blütezeiten. Urtümliche Dörfer, eingebettet in weite hügelige Landschaften, geben Einblicke in die Lebensweisen ihrer außergewöhnlichen Bewohner. Auch die Küche passt sich den Besonderheiten der Hochebene an und bietet vor allem einfache, gehaltvolle regionale Gerichte mit wunderbaren einheimischen Landweinen.

Besonders im Frühsommer und Herbst zeigt sich Kastilien von seiner schönsten Seite. Am Ende ist bei der großen Auswahl nur eines schwierig – sich zu entscheiden, was man sehen und erleben möchte. Buen Viaje!

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