Mit Piano, Pinsel oder Rap Musik für eine bessere Welt – GMF 2016

Klavierspielen gegen Terror und Angst

Wenn der syrische Pianist Aeham Ahmed seine Gefühle in die Pianotasten überträgt und dazu singt, läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. In seinem Klavierspiel wird das Ausmaß und Leid des syrischen Bürgerkriegs und Aehams eigener Tragödie unfassbar präsent und förmlich spürbar. So erging es mir am letzten Montag (13. Juni) im ehemaligen Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn bei der Eröffnung des Deutsche Welle Global Media Forum GMF 2016.

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Künstler sprechen über die Wirkung ihrer Arbeit für Freiheit und Frieden. (Foto: Blaschke PR)

Ihre Waffe ist die Kunst

Am letzten Konferenztag sehe ich Aeham wieder. Zusammen mit anderen Künstlern spricht er in der Session „How art und culture can foster dialogue and change politics“ darüber, welchen Einfluss sie mit ihrem Schaffen in Krisenzeiten haben können. Erneut trifft mich seine Bescheidenheit und sein unendlicher Glaube an das Gute im Menschen mitten ins Herz. Der 28-Jährige, dessen Freunde und Familie in Syrien gefoltert wurden oder ums Leben kamen, dessen Frau noch immer dort ist, baut darauf, dass ähnlich wie vor 70 Jahren in Deutschland auch in seiner Heimat bald Frieden einkehrt. Zuvor aber möchte der hagere junge Mann mit der zerbrechlichen Stimme, dass seine Frau im Rahmen des „Familiennachzug“, eines seiner ersten deutschen Worte, nach Deutschland kommen darf. Solange spielt der selbst als palästinensischer Flüchtling im syrischen Flüchtlingslager in Damaskus aufgewachsene und später an der Universität in Damaskus und am Konservatorium von Homs ausgebildete Pianist weiterhin am liebsten für Kinder. Bis er im Sommer 2015 erneut fliehen musste, transportierte Ahmad sein Klavier auf einem Anhänger oder Pick-Up und trat auf Straßen und öffentlichen Plätzen in Damaskus und Aleppo auf. Über Izmir, Lesbos und die Balkanroute kam er mit der ersten großen Flüchtlingswelle nach Deutschland und verbreitet seitdem hier seine Friedensbotschaft.

Auch die anderen Künstler, die an diesem Mittwoch an der Diskussionsrunde teilnehmen, setzen ihre Kunst mit Leidenschaft und Engagement gegen Angst und Terror und für mehr Toleranz ein: der aus Ägypten stammenden Wandmaler Ammar Abo Bakr, der irakische Satiriker und Comedian Ahmed Al Basheer, der Soulsänger Fetsum mit afrikanischen Wurzeln und der deutsche Rapper mit Migrationshintergrund, Samy Deluxe. Sie sprechen über Gefühle, Hoffnungen und ihre Möglichkeiten, mit Kunst einen Beitrag zum Frieden zu leisten.

Klopapier und Mimimi – Samy Deluxe rappt gegen Rassismus und für mehr Toleranz

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Samy Deluxe auf dem GMF in Bonn. (Foto: Blaschke PR)

Dahingestellt, ob die Künstler sich selbst als politische Aktivisten bezeichnen würden, haben sie allesamt den Wunsch, mit ihrer Kunst etwas zu bewirken, um die Integration fremder Menschen und das Miteinander verschiedener Kulturen zu fördern. Der deutsche Rapper Samy Deluxe zum Beispiel, seit seiner Teilnahme in Xavier Naidoos TV-Show „Sing meinen Song“ auch einem breiteren Publikum bekannt, versucht es mit Songs wie „Klopapier“ oder dem Slogan „Ein Herz für Mimimi“, ein sympathischeres Wort für „Mitbürger mit Migrationshintergrund“. Auch sein Kumpel, der Berliner Soulsänger Fetsum, selbst als Kind mit seinen Eltern aus Äthopien geflohen, setzt sich für Minderheiten ein. Im April hat er auf der Berliner Waldbühne ein Benefizkonzert für traumatisierte Kinder aus Kriegsgebieten organisiert. Mit dabei waren Bands und Musiker wie Seeed, Beatsteaks, Clueso und Max Herre.

Lachen statt Verzweiflung

Der irakische Comedian Ahmed Al Basheer wählt mit seiner selbst finanzierten  „Albasheer-Show“ die Satire, um den IS aufs Korn zu nehmen und auf die Konflikte in Irak und Syrien aufmerksam zu machen. Inzwischen wird seine Show auch über die Deutsche Welle ausgestrahlt.

Die Leinwand als Protestfläche

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Kunst vor dem WCCB in Bonn von Wandmaler und Graffiti-Künstler Ammar Abo Bakr aus Ägypten. (Foto: Blaschke PR)

Großartig auch die Wandmalereien von Ammar Abo Bakr. Der bekannte Graffiti-Künstler aus Ägypten drückt seine künstlerischen Botschaften seit dem Arabischen Frühling 2011 auf großen Wänden aus. Auf Einladung der DW zum GMF 2016 kam er Anfang Juni nach Bonn, wo er zusammen mit Flüchtlingen in einer Unterkunft im Bonner Norden anfing, deren Geschichten mit Pinsel und Farbe auf eine große Leinwand zu malen. Der künstlerische Prozess wurde nach dem Transport der Leinwand zum World Conference Center Bonn WCCB während der drei Konferenztage vollendet. Entstanden ist ein beeindruckendes Wandgemälde, farbenfroh, aber nachdenklich.

GMF 2016 – mehr als ein Orgajob

Die Begnung mit Menschen, deren Schicksal und persönliche Geschichten von der Weltpolitik geprägt sind, die mit ihrer Einstellung zur Meinungsfreiheit etwas bewirken wollen, sind für mich eine große Motivation, diese Konferenz, zu dessen Event-Crew ich seit dem Startschuss 2008 gehöre, organisatorisch und inhaltlich weiter zu unterstützen. Ja, es ist ein Job, mit dem ich meine Brötchen verdiene – und doch ist es auch eine persönliche Herzensangelegenheit.

Ich freue mich auf das nächste Jahr und nehme viele nachhaltige Eindrücke aus diesem Jahr mit. Unter anderem – und das ist eine wirkliche Empfehlung an alle, die diesen Text lesen – den Film #MyEscape.

Pressemitteilung der DW zum GMF 2016: Künstler diskutieren auf dem Global Media Forum

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