Regierungsbunker bei Bonn: Über 17 Kilometer Tunnelsystem für 3000 Leute und 30 Tage

Regierungsbunker Warnschild_Blaschke PR (web)

Warnschild im Regierungsbunker bei Bonn (Foto Blaschke PR)

Dokumentationsstätte Regierungsbunker im Ahrtal

Unter den Weinbergen im schönen Ahrteil bei Bonn, vor der Außenwelt über lange Zeit abgeschottet, befindet sich ein Stück deutsche Geschichte. Der ehemalige Regierungsbunker unterlag noch bis vor wenigen Jahren strengster Geheimhaltungsstufe. Erst 2008 wurde der 1971 fertiggestellte Atomschutzbunker in Form einer Gedenkstätte für das breite Publikum geöffnet. Seitdem gibt es eineinhalb-stündige Führungen durch das ehemals 17,3 Kilometer lange Tunnelsystem, von dem heute noch etwa 200 Meter erhalten und zugängig sind.

Atombunker unter strengster Geheimhaltung bis 2008

Bei mir hat die Geheimhaltung funktioniert, denn bis jetzt wusste ich nicht, dass ein solcher Bunker überhaupt existiert. Als ich vor kurzem das Angebot erhielt, an einer Führung teilzunehmen, war ich sofort Feuer und Flamme. Oder vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang besser sagen: Mein Interesse war sehr groß! Denn so einen Atombunker hatte ich zuvor noch nie gesehen.

Versorgung von 3000 Menschen für 30 Tage

Gleich beim ersten Stopp am 25 Tonnen schweren Eingangstor, das im Ernstfall eines Atomkriegs in nur zehn Sekunden elektronisch verschlossen werden konnte, wird mir das ganze Ausmaß dieses monumentalen Bauwerks bewusst. Wenn dieses Tor einmal verschlossen war, gab es kein Entrinnen mehr. Dann hieß es für die Insassen Ausharren. Für genau 30 Tage war das Überleben gesichert, denn in dem unterirdischen Tunnelsystem waren Materialien, Maschinen, Diesel, Erste Hilfe und Verpflegung für rund 3000 Menschen im wahrsten Sinne des Wortes gebunkert. Sogar eine kleine Frisierecke mit echtem Friseurstuhl gab es. Mit Blick auf unsere ungläubigen Gesichter (wir dachten wohl alle das Gleiche: Was interessiert im Fall eines Atomkriegs, ob die Haare sitzen?) erläuterte uns die ältere Dame, die uns erfrischend unterhaltsam durch den Bunker führte, dass es hier wohl eher darum ging, den Schein des „Alltags“ zu wahren.

Ausweichsitz für Verfassungsorgane

In erster Linie diente der „Ausweichsitz der Verfassungsorgane“ dem Überleben der Bundesregierung inklusive Präsident und Kanzler. Darüber hinaus sollten wichtige strategische und militärische Entscheider, Soldaten, Funker, Presseleute, Handwerker usw. untergebracht werden. Allerdings ohne Familien und nur ein geringer Prozentsatz davon waren (eher ältere) Frauen. Ich frage mich, wie so das weitere Fortbestehen der deutschen Bürger gesichert werden sollte. Abgesehen von der absurden Idee, überhaupt einen Anschlag mit Atomwaffen unbeschadet zu überstehen. Wissen wir doch spätestens seit der Nuklearkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl 1986, dass selbst nach 30 Tagen die Strahlung in unmittelbarer Nähe noch tödlich sein kann, mindestens aber Langzeitschäden verursacht.

Eisenbahntunnel im Ahrtal für Bunkersystem geeignet

Als das federführende Bundesinnenministerium 1962 den Bau beauftragte, dachte man darüber wohl noch anders. Also wurde nach einem geeigneten Standort gesucht. Zwei Eisenbahntunnel im Ahrtal, nahe genug zum Regierungssitz in Bonn, schienen geeignet. Sie dienten als Ausgangspunkte für den Bunker, der zum Teil über 100 Meter unter der Erde lag und am Bauende 936 Schlafplätze, 897 Büroräume sowie jeweils ein Zimmer für den Bundeskanzler und das Bundespräsidialamt beherbergte.

Regierungsbunker Tunnel_Blaschke PR (web)

Ehem. Eisenbahntunnel, späterRegierungsbunker (Foto Blaschke PR)

Je tiefer wir ins Tunnelinnere laufen, desto feuchter, kühler und stickiger schlägt uns die Luft entgegen. Wir sind bei 25 Grad Außentemperaturen angekommen, jetzt sind es gerade mal 10 Grad. Am Ende des Hinweges gelangen wir in einen der ehemaligen Eisenbahntunnel, die als Ausgangsbasis des Bunkerbaus dienten.

Regierungsbunker Schlafzimmer Bundeskanzler_Blaschke PR (web)

Schlafzimmer für Bundeskanzler mit feiner Bettwäsche (Foto Blaschke PR)

Auf dem Rückweg werfen wir noch einen Blick in die Schlafkojen, Miniräume mit jeweils zwei Etagenbetten. Einzig dem Bundeskanzler blieb ein größeres Zimmer vorbehalten. Auffällig: Sein Bettzeug bestand aus feinstem Damast. Auch unterirdisch wurde die Rangfolge aufrecht erhalten.

Absurde Maßnahmen für kontaminierte Personen

Die Absurdität eines solchen Bunkers aus heutiger Sicht erschließt sich übrigens auch an einem anderen Detail: Sofern im Ernstfall vermeintlich „kontaminierte Personen“ in dem Bunker zu vermuten waren, gab es im Eingangsbereich einen Geigerzähler und eine Schleuse mit Duschen. Sofern die Anzeige der Strahlenbelastung nicht allzu hoch ausschlug, durften diese Personen zur Reinigung in die Duschen. Hinter einem Glasfenster (mit Scheibenwischer!) saß ein Arzt, der entschied, ob alles in Ordnung war und ließ die Leute in den Bunker. Was mit denen passieren sollte, deren Strahlenbelastung wesentlich höher war? Glücklicherweise musste diese Frage nie beantwortet werden.

Der Besuch der Dokumentationsstätte Regierungsbunker im Ahrtal ist absolut empfehlenswert. Die Saison 2016 geht bis zum 13. November. Öffnungszeiten: Mi, Sa, So und an gesetzlichen Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Führung dauert 90 Minuten.

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